Freitag, 6. Januar 2017

Streaming-Boom: Keine Kohle für Musiker

Jedes Jahr lesen wir, wie viel der Streaming-Konsum gewachsen ist. Jedes Jahr lesen wir, wie die Musiker über bescheidene Streaming-Umsätze jammern. Jedes Jahr schreibe ich, wie mir das am Arsch vorbei geht.

Aktuell berichtet die Computerworld*, dass der Streaminganteil am Musikmarkt in der Schweiz von 1 % auf 20 % gestiegen ist, weltweit gar auf 90 % (ob das kein Vertipper ist bin ich mir allerdings nicht sicher). Und dann wird mit Beispielen wie dem von Trummer, der für 17'000 Streams läppische 108 Franken erhielt, gejammert. Und, was mich besonders stört, mit Umsatz verglichen, der mit Downloads gemacht wird.

Das ist ein komplett falscher Ansatz, der leider immer wieder auftaucht. Streaming ist etwas komplett anderes als Downloads oder ein CD-Kauf. Bei Download und CD erwerbe ich das Stück gegen einmalige Bezahlung. Ob ich mir den Song dann einmal anhöre oder eine Million Mal, spielt für den Künstler keine Rolle. Der Künstler oder das Label erhalten einen Betrag, sozusagen im Voraus, für unlimitiertes Anhören.

Die Erlöse aus Streaming hingegen passieren nicht im Voraus, sondern auf dem Konsum basierend im Nachhinein. Höre ich einen Song nur einmal, gibt's nur einmal Gebühr. Höre ich ihn mir tausende Male an - im Laufe der Jahre oder auch in wenigen Wochen - gibt's halt jedes Mal wieder Umsatz. Auch nach Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten (theoretisch zumindest).

Streaming lässt sich somit nicht mit Download oder CD-Verkauf vergleichen, wohl aber mit Airplay. Da wird zwar mit pauschalen Prozentsätzen abgerechnet, weil diese aber darauf basieren, wieviel Prozentanteil des Programms die Musik ausmacht, lässt sich das mit ein paar Umwegen durchaus auf die Kosten für den einzelnen Song herunterbrechen. Dafür massgebend sind meines Wissens die Umsätze der Radiostationen, ich kenne die Details nicht**.

Aber angenommen, eine Radiostation müsste zehn Franken zahlen für jeden Song, den sie spielt, dann klingt das nach viel Geld. Radio Zürisee hat aber schätzungsweise ein paar Zehntausend Hörer. Übertreiben wir mal nicht und gehen davon aus, dass 10'000 Menschen den Song hören, den Radio Zürisee gerade spielt. 10 Franken durch 25'000 Hörer macht exakt 0.0004 Franken bzw. 0.04 Rappen pro Hörer. Genau damit muss Streaming verglichen werden.

Wenn Trummer sich beklagt, pro Stream nur 0.64 Rappen erhält, dann ist das nicht anstelle von 60 Rappen für Downloads, sondern statt noch weniger via Radio. Klar, unbestritten nicht viel als einzelner Betrag betrachtet, dafür aber immer und immer wieder. Und auch von Menschen, die niemals eine Trummer-CD kaufen würden. Ich höre jährlich zwischen 12'000 und 15'000 Songs. Die wenigsten davon würde ich käuflich erwerben. Wären sie nicht als Streaming verfügbar hätte ich sie gar nie entdeckt.

Die Diskussion, wie viel Musik Wert ist oder nicht, ist eine ganz andere. Vielleicht ist ein Spotify-Abo zu günstig, vielleicht auch nicht. Mir geht's hier nur darum, dass nicht ständig Äpfel mit Birnen verglichen werden. Streaming muss mit Radio verglichen werden, und zwar in Relation zur Anzahl Hörer, die den Song gleichzeitig hören können, nicht mit CD-Verkäufen.

Last but not least: Die Musiker sollten sich statt über die Preise zu beschweren, die wir Konsumenten bezahlen, viel mehr etwas dagegen unternehmen, dass ihnen die Labels die Hälfte und mehr der Erlöse wegschnappen.


*Link zum Text: http://ker.li/ok

** gerne nehme ich konkrete Zahlen in den Kommentaren entgegen.

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